Ein kleines Bauwunder im Kloster Santa Maria in Valle
Ihr kennt das sicher: Man ist in einer Stadt, bewundert die alten Gassen, gönnt sich vielleicht einen Kaffee, aber in ein Museum oder einen besonderen Ort geht man vor allem bei Schönwetter eher nicht.
So war es jahrelang bei mir in Cividale. Ich wollte immer schon den Langobarden-Tempietto im Kloster Santa Maria in Valle sehen, doch irgendwie hat es nie gepasst. Bis zu diesem Herbst!
Warum Ihr hinfahren solltet
Als ich eine Woche lang mit der FVGcard unterwegs war, dachte ich mir: jetzt oder nie. Der Tempietto (heißt in etwa „kleines Tempelchen“) ist kein monumentales Bauwerk, das in jedem Reiseführer unter Pflichtbesuch steht. Genau das macht ihn so spannend. Für mich fällt das unter Geheimtipp!
Es ist ein seltener Rest aus der Zeit der Langobarden (Frühmittelalter = 600–800 n. Chr.) und erstaunlich gut erhalten. Stuckreliefs, Freskenreste und eine besondere Raumwirkung warten dort auf euch.
Wer Architektur und versteckte Details liebt, wird glücklich. Und für Fotograf:innen ist der Ort eine Fundgrube an Strukturen und Lichtstimmungen.

Kurz zur Geschichte
Der Tempietto entstand um 830, vermutlich als Kapelle der Gastaldaga, also des Verwaltungszentrums der Langobarden in Cividale. Vermutet wird aber, dass die ersten Mauern bereits zur Zeit der Römer an dieser Stelle gestanden sind.
Oft wird er mit Astolfo, dem Herzog von Friaul und späteren König der Langobarden, in Verbindung gebracht.
Damit befand sich hier jener Ort, an dem Verwaltung, Religion und Repräsentation zusammenkamen.
Später wurde das Gebäude in den Konvent Santa Maria in Valle integriert und war über viele Jahrhunderte Teil eines religiösen Komplexes. Deshalb führt der Weg heute durch ein ehemaliges Kloster direkt zum Tempietto.
Komm also zuerst mit mir durch dieses historische Gebäude, bevor wir am Ende der Besichtigung das eigentliche Highlight erreichen.
Auf dem Weg durch das alte Kloster
Noch bevor man das Hauptgebäude betritt, möchte ich euch auf zwei Dinge hinweisen:
Geht, nachdem ihr den Hof betreten habt, durch das Tor rechts in den kleinen Weingarten. Ein wunderbares Plätzchen mit Ausblick, das ihr auch ohne Eintritt besuchen könnt.


Gleich neben dem Haupteingang, an der linken Wand, könnt ihr eine Öffnung sehen, in die während der aktiven Klosternutzung Nahrungsmittel für die Nonnen gelegt wurden.

Doch auch der Raum, in dem man Eintritt bezahlt, bietet Besonderes: Glas im Boden zeigt die Spuren der Vergangenheit.

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Wenn ihr mehr Zeit habt, geht in den kleinen Innenhof mit Rosengarten.
Sitzgruppen laden ein, erst einmal zur Ruhe zu kommen, bevor die eigentliche Besichtigung beginnt.
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Parlatorio, Refektorium & Co.
Vom Eingang des Klosters Santa Maria in Valle geht ihr weiter und der Übergang von der hektischen Gegenwart in die ruhige Vergangenheit wird fast körperlich spürbar.
Neben dem Parlatorio, dem Raum, in dem Nonnen mit Besuchern sprechen konnten, kommt ihr gleich zu Beginn ins Refektorium, wo gegessen und gelesen wurde. Heute könnt ihr die gut restaurierten Bildgeschichten an Wand und Decke bewundern.

Die Räume sind schlicht und es ist offensichtlich, wie der Alltag hier über viele Jahrhunderte organisiert war: Arbeiten und Beten.
Bei meinem Besuch waren nur sehr wenige Menschen auf den Gängen, sodass es sich anfühlte, als dürfte ich ganz allein die Vergangenheit erkunden.
Leider konnte ich den inneren Garten nicht in voller Schönheit sehen, da Renovierungsarbeiten im Gange waren. Dennoch lässt sich erahnen, wie schön es sein wird, wenn alles fertig ist.
Die Anlage ist von oben fast dreieckig, wie man auf Stadtplänen erkennt; eine schöne Ausnahme, denn Kreuzgänge sind sonst meist viereckig.
Ursulinen-Bereich & Schule
Nachdem ihr den Kreuzgang verlassen habt, betretet ihr den Bereich, in dem später die Ursulinen nach den Benediktinerinnen lebten.
Eine der Zellen ist geöffnet, sodass man sich die Schlichtheit vorstellen kann. So wird auf einfache Weise das frühere Klosterleben spürbar, ohne die Kirche zu sehr in den Vordergrund zu rücken.

In vielen anderen Räumen und am Gang sind kleinere Ausstellungen untergebracht.

Bis ca. zur Jahrtausendwende gab es hier noch aktiven Klosterbetrieb und eine Schule.
Presepe delle Suore Orsoline
Besonders eindrucksvoll ist die Ursulinen-Krippe in einem seitlichen Raum. Sie besteht aus liebevoll gestalteten Figuren mit Wachs-Gesichtern und Stoffkleidung, an denen man die Zeit und Hingabe der Schwestern ablesen kann.

Es sind alltägliche Szenen, die weit mehr erzählen als die üblichen Krippen.


Vielleicht berührt mich diese Krippe so, weil ich selbst 4 Jahre Ursulinen-Schülerin war. Aber ihr müsst selbst herausfinden, wie es euch geht, wenn ihr davor steht.
Da es ein abgeschlossener Raum ist, kann man in jedem Fall einen stillen Moment genießen, eine ideale Einstimmung auf das, was gleich folgt.
Chiesa San Giovanni Battista
Die Kirche ist dem heiligen Johannes dem Täufer geweiht und trägt daher den Namen San Giovanni Battista. Man kann sie leicht links liegen lassen, wenn man gedanklich schon beim Tempietto ist.

Dabei lohnt sich ein kurzer Blick: Sie stammt in ihrer heutigen Form aus dem 17. Jahrhundert und zeigt genau das, was man von einer ehemaligen Klosterkirche erwartet.

Teile ehemaliger Fresken sind auf Staffeleien aufgestellt, und in den Gemälden lassen sich schöne Details entdecken.

Der Klostername Santa Maria in Valle verweist auf die Lage unterhalb der Altstadt, nahe dem Natisone. Maria als Namensgeberin ist für ein Frauenkloster wenig überraschend.
Sobald man den nächsten Gang betritt, öffnet sich der Weg zum Tempietto und dort wartet das eigentliche Highlight der gesamten Anlage.

Was den Tempietto besonders macht
Manche Gebäude protzen außen und enttäuschen innen. Das ist mir schon mehr als einmal passiert. Hier ist es umgekehrt: außen schlicht, innen voller unerwarteter Details.
Achtet auf:
- die Stuckfiguren über dem Portal, elegant und fast klassisch
- die kunstvollen Ranken- und Weinrebenornamente in der Lunette (=halbkreisförmiges Feld über Fenstern oder Türen)
- die Freskenreste und Spuren früherer Mosaike in der Apsis („Prozession der Jungfrauen und Märtyrer“)
- das meisterlich geschnitzte Chorgestühl, wahrscheinlich von einem deutschsprachigen Künstler (Ende 14./15. Jhdt.)
- die ungewöhnliche Raumproportion: hoher Hauptraum versus kleineres, gedrängtes Presbyterium



Ein faszinierendes Stück Kunstgeschichte
Das Spannende am Tempietto, manchmal auch Oratorio Santa Maria in Valle genannt, ist die Mischung aus spätantiken, klassischen Elementen und langobardischer Gestaltung.
Der Tempietto gehört zum Langobardischen Kulturschatz von Cividale del Friuli, der 2011 in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Ein wirklich außergewöhnliches Zeugnis frühmittelalterlicher Architektur.

Die wunderbar modellierten Stuckfiguren sind ein absolutes Unikat der Langobardenkunst in Italien und waren für mich das Highlight.
Ihr müsst euch das unbedingt vor Ort ansehen. Es ist magisch, wenn man davor steht. Man merkt fast gar nicht, dass ich begeistert war, oder 😉

Wenn ihr den Rundgang abschließt, verlasst ihr das Gebäude an einer anderen Stelle als beim Eingang.

Nutzt die Gelegenheit, noch einmal den spektakulären Blick auf den Natisone zu genießen: Belvedere in seiner schönsten Form!

Last, but not least: Praxis-Tipps
- Der Tempietto ist Teil des Museums-Komplexes; nutzt die FVGcard oder Kombitickets mit dem Museo Archeologico Nazionale.
- Prüft die Ticketbeschreibung, denn der letztmögliche Einlass kann deutlich vor der Schließzeit liegen.
- Plant mindestens 45 Minuten ein, wenn ihr Fotos machen und die Details wirken lassen wollt.
- Das historische Gebäude ist an manchen Stellen eng und verwinkelt; prüft vorab, falls Barrierefreiheit ein Thema ist.
Tanti saluti
Elena
Offenlegung:
Der Artikel entstand ohne Auftrag und ohne Bezahlung, jedoch wurde mir die FVGcard von PromoTurismoFVG zur Verfügung gestellt, damit ich einfacher für euch berichten kann.
Danke dafür!





