Wie im Mittelalter Papier und Bücher entstanden

Kürzlich habe ich euch vom Castello di San Pietro in der kleinen Gemeinde Ragogna berichtet.

Bei der Führung durch die um die Jahrtausendwende restaurierten Burg habe ich nicht nur viel über die Geschichte der Gegend erfahren, sondern auch über Papier, Schreiben und Buchbinden.

Scriptorium Foroiuliense

Eigentlich befindet sich das Scriptorium Foroiuliense (eine Kulturvereinigung, die sich dem Unterrichten kalligrafischer Kunst widmet) in San Daniele del Friuli, aber ich bin froh und dankbar, dass ich mir bei dieser Besichtigung einen Weg sparen konnte.

Zwar wäre sicher der eigentliche Standort – ein ehemaliges Kloster der Dominikaner – auch der Besichtigung wert gewesen, aber ich muss meine Zeit so sinnvoll wie möglich einteilen.

Wir wurden von einer freundlichen Signora empfangen, die uns eine kurze Einführung  im Erdgeschoss gab. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich das Wort “Amanuensi” gehört, das ich schnell und versteckt gegoogelt habe. Es geht also um Schreibkräft – MANU –  „die Hand zu reichen“. Wieder was gelernt!

Nun ging es aber in den Keller – die Reihenfolge musste schließlich eingehalten werden!

Wie entsteht Pergament

Während die alten Ägypter Papyrus (daher leitet sich das Wort “Papier” ab) verwendeten, setzte man in Europa auf Pergament – allerdings erst viel später!

Man verwendete dazu üblicherweise die Felle von Rindern oder Schafen. Natürlich wurde die Haut der Tiere zuerst gut gewaschen und dann sorgfältig von Härchen und Fleischresten entfernt.

Dann wurde es aufgespannt, wie am Bild zu sehen ist. Schaut das nächste Mal, wenn ihr in einem Museum Pergament sehr genau. Manchmal man kann noch die kleinen Löcher der Schnüre sehen. Nach der Trocknung konnte das fertige Pergament sogar gerollt werden, wobei die Buchform bereits Einzug hielt.

Dass diese Schreibunterlage nicht ganz günstig war, könnt ihr euch vorstellen, daher wurde Pergament hauptsächlich für hochrangige Persönlichkeiten beziehungsweise in Klöstern verwendet.

Der Papiermeister

Diesmal hat uns ein junger Mann – ebenfalls mittelalterlich gekleidet – empfangen und er zeigte uns Schritt für Schritt, wie Papier vor Hunderten von Jahren entstanden ist. Zu meinem Glück konnte er gut Englisch und ich musste mich weniger anstrengen 🙂

Papier wurde ursprünglich in China erfunden (100 n. Chr.). Aber es dauerte bis ins 13. Jahrhundert, bis die Herstellung auch in Europa üblich war. Es war in Spanien und Italien, wo diese Technik durch arabische Seefahrer erstmals vorgestellt wurde. Damals wurden Lappen (Baumwolle, Hanf, Leinen,…) ganz klein zerrissen und in Wasser eingeweicht, wodurch ein Brei entstanden ist.

Zuerst wurde ein Brei gerührt…

Dann die Konsistenz gefühlt…

Mit einer Art Tablett mit Rahmen die passende Menge herausgehoben…

und zuletzt das überschüssige Wasser abgeschüttelt.

Das noch unfertige Papier wurde zwischen Filztücher gelegt und dann gepresst. Zum Trocknen kam es an einen Holz-Ständer.

Die uns bekannte Herstellung von Papier aus Holz entstand erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts.

Nun wissen wir, WIE Papier entstanden ist und nachdem wir uns noch einmal im Untergeschoss in Ruhe umsehen durften, ging es wieder nach oben.

Wieder im ursprünglichen Raum angekommen, wurden uns die Utensilien erklärt, die man zu jener Zeit brauchte, um die kunstvollen Schriftstücke zu kreieren.

Die Feder

Üblicherweise wurden Gänse- oder Schwanenfedern verwendet, die monatelang getrocknet wurden, um sie härter zu machen. Werden heutzutage in der Kalligrafie Metallfedern angesetzt, so wurde im Mittelalter einfach das Ende der Feder schräg angeschnitten.

Die Tinte

Die kleinen Tintenfässchen habt ihr sicher schon einmal gesehen. Sie waren tatsächlich noch zu Schulzeiten meiner Eltern im alltäglichen Gebrauch. Während meiner Schulzeit und heutzutage nur mehr, um Schönschreiben zu üben.

Am Bild zu sehen sind Gallnüsse, aus denen man mit Hilfe von weiteren Zutaten Tinte hergestellt hat.

Die Farben der Initialen

Ich bewunderte immer die kunstvoll ausgeführten Anfangsbuchstaben bei alten Dokumenten, wenn ich in Museen oder Bibliotheken Schriftstücke aus dem Mittelalter zu sehen bekam. Mit der oben erwähnten Tinte, waren die bunten Farben allerdings nicht zu erreichen.

Euch nun die Rohstoffe für die unterschiedlichen Farben zu nennen, würde den Rahmen hier sprengen, aber Ocker, Safran und Purpur sind immer noch sehr bekannt; Malachit für grün oder Indigo für blau habt ihr bestimmt ebenfalls schon gehört.

Wenn es ganz edel sein musste, wurde natürlich mit Silber und Gold nicht gespart. Die Ausführung kann durchaus umfangreicher gestaltet sein; dann spricht man von Buchmalerei.

Die Amanuensi – die begabte Schreibkraft

Ich kann mich noch gut an Hilfslinien erinnern, die wir in der Schule beim “Schön-Schreib-Unterricht” hatten. Das ist keine Erfindung der Neuzeit, nein auch die Schreiber im Mittelalter setzten sich Hilfslinien, um das teure Papier nicht durch Unregelmäßigkeiten zu verschwenden. Man nannte dies Schreibspiegel.

Die Signorina, die uns zeigte wie man früher geschrieben hat, sitzt in der gleichen Position wie schon vor Hunderten von Jahren. Es muss anstrengend gewesen sein!

Die Neigung war nötig, um mit der Feder die bestmögliche Haltung erreichen zu können, ohne das Geschriebene zu verschmieren.

Opificium Librorum – Die Buchfabrik

Nun haben wir beim Rundgang gesehen, wie Papier entstanden ist und diese Blätter kunstvoll beschrieben wurden. Um daraus ein Buch zu fertigen brauchte es vielerlei Werkzeug.

Als Einband wurden Holz, fester Stoff oder Leder verwendet, das mit Bändern an den losen Blättern fix verbunden war.

Auch kunstvolle Schnallen oder andere Schließen aus Metall habe ich schon in Museen bewundern können. Bei edlen Schriftwerken kamen am Einband manchmal sogar Edelsteine zum Einsatz.

Ich bedanke mich beim Team von Scriptorium Foroiuliense für die Möglichkeit, in die Welt der Papiererzeugung und der Kalligrafie habe schnuppern dürfen. Besonders aber bei den dargestellten Personen, die mir bei meinem Besuch die Erlaubnis gaben, die aussagekräftigen Bilder für diesen Artikel verwenden zu dürfen.

Besuche und Workshops (Papierherstellung, Schreiben, Bindung) können nach Voranmeldung gebucht werden.

Scriptorium Foroiuliense

(gemeinnütziger Verein)

Via Udine, 2
33038 San Daniele del Friuli (UD)

info [at] scriptoriumforoiuliense [dot] it
tel. +39 347 5303063

segreteria [at] scriptoriumforoiuliense [dot] it
+39 0432 1636721

Büro Öffnungszeiten:

Montag, Mittwoch und Freitag
von 9.00 bis 12.30 Uhr

Tanti Saluti
Elena

♥♥♥


Offenlegung:

Dieser Artikel wurde weder bezahlt noch beauftragt. Die Bilder entstanden während der Besichtigungstour im Zuge von “Castelli aperti” im Castello di Ragogna.


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