Ein Spaziergang durch ein außergewöhnliches Haus
Gorizia ist eine Stadt, in der man auf Schritt und Tritt merkt, dass hier verschiedene Welten aufeinandertreffen. Genau deshalb mag ich die Stadt. Und trotzdem war mein Besuch im Palazzo Coronini Cronberg für mich noch einmal etwas Besonderes.
Schon beim Betreten des Palazzo hatte ich nicht das Gefühl, durch ein gewöhnliches Museum zu gehen. Natürlich sind hier Kunstwerke, Möbel und historische Gegenstände zu sehen. Aber vieles steht noch dort, wo es zu einer solchen Residenz gehört: in Räumen, die als Wohnräume gedacht waren und deren Einrichtung bis heute eine Vorstellung davon vermittelt, wie eine adelige Familie hier gelebt hat.

Ich nehme Euch diesmal mit auf einen ausführlichen Rundgang durch den Palazzo. Wir werfen einen Blick auf die Geschichte der Familie und gehen natürlich auch hinaus in den weitläufigen Park.

Dass ich mich bei meinem Besuch von der jungen Mitarbeiterin an der Kasse sehr willkommen gefühlt habe, gehört für mich ebenfalls zu diesem Erlebnis. Gerade bei einem historischen Haus ist es angenehm, wenn man merkt, dass die Menschen, die dort arbeiten, ihre Aufgabe ernst nehmen und Fragen nicht als lästige Unterbrechung sehen. Grazie!

Ein Haus mit einer langen Geschichte
- Der Palazzo Coronini Cronberg entstand kurz vor 1600 für Carl Zengraf und hatte ursprünglich eher den Charakter eines befestigten Hauses als eines eleganten Stadtpalais.
- 1614 kam das Anwesen nach dem Aussterben der Familie Zengraf an die Grafen Strassoldo, die es zu einer standesgemäßen Residenz ausbauten.
- 1643 wurde die Familienkapelle errichtet und über eine doppelte Loggia mit dem Palazzo verbunden.
- 1820 kaufte Graf Michele Coronini Cronberg das Anwesen. Damit begann eine neue Phase in der Geschichte des Hauses. Die Familie ließ den Palazzo erweitern und umgestalten.
Das war jetzt im Schnelldurchlauf ein wenig Geschichtswissen, damit ihr die Bilder besser einordnen könnt.
Auf dem Bild der Statue vor dem Eingang zum Palazzo seht ihr Gian Battista Coronini.
Er machte sich als Condottiere, also als Heerführer, einen Namen und kämpfte in mehreren Feldzügen gegen die Osmanen.
Eine der bekanntesten Episoden ist mit Karl X. von Frankreich verbunden.
Der im Exil lebende französische König kam 1836 nach Gorizia und nahm im Palazzo Coronini Cronberg Quartier. Wenige Wochen später, am 6. November 1836, starb er hier.
Ich finde gerade solche Geschichten interessant, weil sie einen Raum plötzlich anders wirken lassen. Man sieht nicht mehr nur ein Bett, einen Schreibtisch oder ein Porträt. Man weiß, dass hier tatsächlich Menschen gelebt, gewartet, geschrieben, gegessen und Entscheidungen getroffen haben.
Die letzten Bewohner aus der Familie Coronini Cronberg waren Graf Guglielmo und seine Schwester Nicoletta. Ihre Eltern waren Alfredo Coronini Cronberg und Karoline Ritter von Zàhony, die in den Wirren des Ersten Weltkriegs nach Salzburg geflohen waren.
Guglielmo Coronini Cronberg starb 1990. Sein Wunsch war es, den Familienbesitz nicht einfach aufzulösen, sondern ihn als Ganzes zu bewahren und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Daraus entstand die heutige Fondazione Palazzo Coronini Cronberg.
Und damit sind wir eigentlich schon mitten in unserem Rundgang.
Der erste Eindruck: Atrium und Vorfahren
Über dem neugotischen Kamin befindet sich ein Wappenbild aus dem Jahr 1771. Rund um das Wappen sind heraldische Zeichen jener Familien angeordnet, mit denen die Coronini durch Heirat verbunden waren.

Schon an diesem ersten Ort lässt sich erkennen, dass die Sammlung die Geschichte einer Familie und ihres gesellschaftlichen Umfelds erzählt, wie etwas die Büste des jungen Kaisers Franz Joseph und das ist nur eines der vielen Beispiele dafür.
Die Bibliothek
Weiter geht es in die Bibliothek. Bücher erzählen zwar von Wissen, aber ein Raum voller Bücher erzählt auch etwas über die Menschen, die sie gesammelt und gelesen haben.


Und genau hier wird der Unterschied zwischen einer historischen Sammlung und einem eingerichteten historischen Haus deutlich: Die Dinge sind nicht einfach nach Künstler, Jahrhundert oder Material nebeneinander gereiht.
Das Speisezimmer und die ersten Details
Nach der Bibliothek kommen wir in das Speisezimmer. Auch hier lohnt es sich, nicht nur den Raum als Ganzes wahrzunehmen, sondern mit den Augen über die Details zu gehen.

Der Palazzo ist überhaupt voller solcher kleinen Überraschungen. Man kann einen Raum auf den ersten Blick erfassen und beim zweiten Hinsehen feststellen, dass irgendwo ganz besondere Stücke wie nebenbei stehen.
Die Treppe hinauf
Nach dem Erdgeschoss geht es über die Treppe hinauf. Oben angekommen, führt unser Weg durch mehrere sehr unterschiedliche Räume.
Ein Schlafzimmer aus dem 18. Jahrhundert
Das Schlafzimmer aus dem 18. Jahrhundert gehört für mich zu jenen Räumen, bei denen man besonders gut versteht, was mit einem „bewohnten Haus“ gemeint ist.
Auf der Konsole steht eine Büste des jungen Napoleon Bonaparte, geschaffen vor 1800. Gegenüber befindet sich ein großer Spiegel aus Murano-Glas.


Überaus interessant finde ich das Porträt der Gräfin Maria Luisa Lantieri Wagensperg mit ihren Töchtern Aloisa und Amalia.

Die Dargestellte wurde von Casanova erwähnt und war mit Persönlichkeiten wie Herder und Goethe bekannt. Ihre Tochter Amalia wurde später die Mutter von Michele Coronini Cronberg.
Das Zimmer von Karl X.
Nun kommen wir zu jenem Raum, dessen Geschichte sehr eng mit dem Palazzo verbunden ist: dem Zimmer von Karl X.
Der französische König war nach seiner Abdankung 1830 ins Exil gegangen und starb nach wenigen Wochen hier an Cholera.

Sein Schreibtisch wirkt auf mich, als würde er gleich wiederkommen.
Guglielmos Zimmer
Im Zimmer von Guglielmo Coronini wird die Geschichte des Hauses noch persönlicher. Guglielmo lebte bis zu seinem Tod in diesem Palazzo. Deshalb gibt es hier auch ein moderner wirkendes Marmorbad.

Einige Stücke fallen durch ihre ungewöhnliche Gestaltung auf. Dazu gehört ein fünfarmiger hölzerner Leuchter in Form eines fantastischen Pferdes, dessen Hinterbeine in schlangenartige Windungen übergehen. Auch zwei Leuchten in Form von Händen gehören zu den kurioseren Möbelstücken.
Der venezianische Salon und der zentrale Saal
Im venezianischen Salon und im anschließenden zentralen Saal wird es wieder ausgesprochen repräsentativ. Die Bilder sprechen für sich!


Das Zimmer des Bischofs
Ein äußerst ungewöhnliches Kapitel der Geschichte erzählt das sogenannte Bischofszimmer.
Hier wurde der damalige Erzbischof von Gorizia im Mai 1945 von jugoslawischen Soldaten festgehalten.
Heute ist es als Wohnraum aus der Mitte des 19. Jahrhunderts eingerichtet. Meine Favoriten hier waren der Majolikaofen im Empire-Stil und viele kleine Silbergegenstände.
Besonders aufgefallen ist mir jedoch ein Gemälde, das man hier wohl nicht unbedingt erwarten würde: die Darstellung eines Besessenen.
Gerade dieses ungewöhnliche Bild machte den Raum für mich zu einer der Stationen, bei denen ich beim Rundgang etwas länger hinschaute.
Das Zimmer von Francesco
Auch im Zimmer von Francesco Coronini Cronberg finden sich zahlreiche Kunstwerke und Möbel, die man sich in Ruhe anschauen sollte.
Ein Raum erzählt nie nur eine Geschichte. Er besteht aus vielen kleinen Geschichten, die irgendwann zu einer Einrichtung zusammengekommen sind.
Der Arbeitssalon
Zum Abschluss unseres Rundgangs durch die Wohnräume kommen wir in den Arbeitssalon.
Hier begegnen uns unter anderem einem Porträt Kaiser Josephs II., einen Majolikaofen mit Doppeladler und einer Porzellanbüste des Generals Radetzky. Auch Gemälde mit Ansichten des Golfs von Neapel sind hier zu sehen.


Zwei der Bilder will ich euch genauer zeigen, obwohl auch viele andere in unterschiedlichen Zimmern mir wirklich sehr gut gefallen haben: Ein signiertes Bild des letzten Zaren, Nikolaus II. und eine Darstellung von Venus und Amor von Giuseppe Tominz, einem Maler aus Görz.

♥Ausgesprochen berührt haben mich aber die Bilder von der Familie.♥
Wenn ihr jetzt denkt:
Das alles hätte sie uns noch genauer beschreiben können. Nein, mache ich absichtlich nicht, denn ihr sollt selber hingehen und die Geschichte und die Geschichten auf euch wirken lassen.Aber einen Raum habe ich noch, bevor wir das Hauptgebäude verlassen.
Zwei Gesichter, an denen man nicht einfach vorbeigeht
Für mich eine der ungewöhnlichsten Stationen des Rundgangs: der Raum mit den berühmten Charakterköpfen von Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783). Die beiden Skulpturen sind die einzigen Charakterköpfe Messerschmidts in Italien.

Was mich an diesen Köpfen fasziniert, ist ihre unmittelbare Wirkung. Sie wirken eigenartig modern und gleichzeitig völlig aus ihrer Zeit gefallen.
Vom Palazzo hinaus in den Park
Nach so vielen Innenräumen tut es gut, wieder hinauszugehen. Und der Park des Palazzo Coronini Cronberg ist keineswegs nur ein bisschen Grün rund um das Haus.

Seine heutige Gestalt geht vor allem auf Graf Alfredo Coronini Cronberg zurück. Ab etwa 1880 ließ er die Flächen rund um den Palazzo neu gestalten. Er hatte auf seinen Reisen große Gärten in verschiedenen Ländern kennengelernt und kombinierte Pflanzen aus Mitteleuropa, dem Balkan sowie aus Gebirgsregionen Asiens und Amerikas.
Durch den Park
Der Park erstreckt sich über mehrere Ebenen und verbindet Gartenbereiche, alte Bäume, Skulpturen, Treppen, Wege, Wasseranlagen und kleine architektonische Elemente.

Der Tempietto auf der künstlichen Anhöhe
Einer der interessantesten Punkte ist die künstliche Anhöhe im westlichen Teil des Parks. Sie wurde angelegt, um zwei übereinanderliegende Zisternen zur Regenwassersammlung zu verbergen.

Ein Park mit bewegter Vergangenheit
Auch der Park blieb von den Kriegen des 20. Jahrhunderts nicht verschont. Palazzo und Garten wurden im Ersten Weltkrieg schwer beschädigt und von verschiedenen militärischen Einheiten genutzt.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrten die Coronini zurück. In den folgenden Jahrzehnten konnte der Park leider nicht mehr so intensiv gepflegt werden wie früher.

Gerade deshalb lohnt es sich, im Park auch einmal darüber nachzudenken, dass das, was heute selbstverständlich wirkt, das Ergebnis jahrelanger Arbeit ist.
Die temporäre Ausstellung in den Scuderie
Bei meinem Besuch habe ich außerdem die damalige temporäre Ausstellung im Nebengebäude, den Scuderie, besucht, die schon beim Betreten des Areals angekündigt wurde.

Die Ausstellung „I Borbone di Francia a Gorizia“ war von 29. Mai 2025 bis 25. Jänner 2026 zu sehen.

Sie beschäftigte sich mit der französischen Bourbonenfamilie und ihrem Exil in Gorizia. Gerade weil diese Ausstellung schon vorüber ist, will ich euch einige Details davon nicht vorenthalten.

Mein Rundgang durch den Palazzo
Nach meinem Besuch habe ich festgestellt, dass man den Palazzo Coronini Cronberg nicht in wenigen Sätzen erklären kann. Der Artikel ist lang geworden. Ich habe bei meinem Besuch deutlich mehr fotografiert, als ich ursprünglich vorhatte. Und genau das ist für mich immer ein gutes Zeichen.
Eigentlich beginnt der Rundgang schon draußen. Und ganz fertig ist er erst, wenn man nach dem letzten Raum wieder ins Freie tritt.

Wenn ihr beim Hinausgehen noch einmal genau hinschaut, könnt ihr oben am Hügel auch die Burg Görz erkennen.
⇒ Und keine Sorge: Auch wenn ihr eingangs die Öffnungszeiten und Parkregeln nicht gesehen, gelesen oder verstanden habt, es gibt immer ein offenes Tor hinaus.

Tanti Saluti
Elena
Offenlegung:
Der Eintritt wurde zum Teil durch die FVGcard abgegolten, die mir freundlicherweise PromoTurismoFVG zur Verfügung gestellt hat.
Wirklich hilfreich für diesen Artikel waren die Informationsbroschüren, die mir vor meinem Rundgang an der Kassa gegeben wurden. Danke – Grazie an dieser Stelle nochmal!

