Venedig nach dem Lockdown 2020

Wie Covid-19 eine Stadt Besichtigung verändert

Ich bin diesmal nicht einfach mal schnell nach Venedig gefahren, sondern habe gut überlegt, ob es noch zu früh ist, oder ob das Rest-Risiko tragbar ist. Da ich alleine unterwegs war, schien es mir meinem Umfeld gegenüber gut vertretbar zu sein.

Anreise mit der Bahn: Latisana – Venezia

Am Bahnhof konnte ich nicht wie üblich die Tickets für die Hin- & Rückfahrt kaufen, weil ich nicht genau gewusst habe, welchen Zug ich zurücknehmen würde. Also habe ich nur die Hinfahrt bezahlt und bin in den nächsten Zug gestiegen. Das Ticket habe ich zur Sicherheit trotzdem vorher entwertet, obwohl die genaue Abfahrtszeit aufgedruckt war.

Im Abteil selber war ausreichend Platz. Es waren keine Sitzplätze blockiert (wie in den Kirchen üblich) und da die Anzahl der Fahrgäste limitiert ist, habe ich über die Hälfte der Strecke eine 4-er Sitzgruppe für mich alleine zur Verfügung gehabt. Als sich dann doch ein weiterer Fahrgast zu mir gesellt hat, hat sich dieser schräg gegenüber platziert.

Die Temperatur im Zug war eher kühl, daher war das obligatorische Tragen der Maske kein großes Problem. Im Abteil ist bei den Abfallbehältern am unteren Ende eine Steckdose zum Handy aufladen. Das ist mir, bei den sonst sehr voll besetzten Zügen, zuvor noch nie aufgefallen.

Bei meiner Ankunft “Venezia S. Lucia” habe ich mich umgehend schlau gemacht, wo ich das Ticket für die Rückfahrt kaufen kann. Es stehen jede Menge Automaten gut sichtbar in der Halle und ich habe Mitarbeiterinnen gesehen, die helfen, wenn man trotz der Sprachauswahl nicht zurechtkommt.

Ankunft am Ziel

Die gegend um den Vorplatz vom Bahnhof habe ich noch nie so leer gesehen!

Selbst beim Schalter für die Vaporetto Tickets waren nur wenige Personen. Ich bin diesmal ziemlich ohne Plan und Ziel kreuz und quer gegangen, weil ich mir einen Überblick verschaffen wollte. Die Menge der Besucher war selbst in der Bahnhofsgegend dermaßen übersichtlich, dass man sich absolut ungehindert bewegen konnte und selbst ein Stehenbleiben zum Fotografieren kein Problem für sich und andere dargestellt hat.

Pause muss sein

Was für mich in fast jeder Stadt relativ schnell sein muss, ist der 1. caffè! Ich habe beim Rio Marin pausiert und zum obligatorischen caffè gab es gleich noch etwas Süßes; als Energie-Kick sozusagen.

Mit der Bedienung habe ich kurz geplaudert, denn trotz der Nähe zur bekannten Frari-Kirche waren bei Weitem nicht alle Plätze besetzt. Die Dame hat mir mitgeteilt, dass es sehr schwer ist, bei so viel weniger Gästen und (fast) gleich viel Lokalen den Betrieb sinnvoll am Laufen zu halten. Ich kann’s verstehen!

Scuola Grande di San Rocco

Diesmal habe ich die Chance genutzt und mir die Scuola Grande di San Rocco, die ich schon seit langem bewundern wollte, angesehen. Bisher waren für meinen Geschmack immer viel zu viele Menschen bereits in der Eingangshalle zu sehen, doch an diesem Tag war das Besucheraufkommen übersichtlich. Man konnte nicht nur in Ruhe die Tintoretto-Kunstwerke bestaunen, sondern sich auch auf einen der zahlreich vorhandenen Stühle kurz ausruhen.

Einen Bericht, was es hier genau zu sehen gibt, bekommt ihr demnächst.

Wie schon im Café am Vormittag (und bei vielen anderen Geschäften und Lokalen) war VOR den Toiletten ein Spender mit einem Desinfektionsmittel platziert. Was mich überrascht hat war die Tatsache, dass sogar bei der Türe zum Vorraum der Toilette gestanden ist, dass man nur einzeln eintreten darf.

Dass man in Innenräumen einen Mund-Nasen-Schutz tragen muss, wird inzwischen vermutlich jeder wissen.

Die einzige weibliche Gondoliere in Venedig

Bei meinem weiteren Rundgang habe ich dann überraschend eine Bekanntschaft gemacht: Giorgia Boscolo hat als erste Frau 2010 die strenge Gondoliere-Prüfung bestanden und ist seither berechtigt, Touristen durch die Kanäle zu rudern.

In einem Jahr wie diesem ist es für Giorgia schwieriger, denn der Tagesablauf wird im Gegensatz zu den Jahren zuvor eher vom STEHEN als fahren mit Gästen dominiert.

Ich wollte natürlich wissen, wie man als junge Frau auf die Idee kommt, Gondoliere zu werden und Giorgia erklärte mir, dass dieser Beruf in der Familie liegt. Ihr Vater, genau wie Onkel und Cousins selbst Gondoliere, hat “nur” Mädchen bekommen 😉 und da keine ihrer Schwestern Interesse hatte, durfte sie ihn immer wieder begleiten. Bereits in jungen Jahren hat sie sich dann entschlossen, die Familientradition fortzusetzen.

Die Voraussetzungen zur Prüfung ist streng: Dass man Kenntnisse in Navigation haben muss, ist bei den engen Kanälen völlig logisch. Grundkenntnisse in Englisch und solides Wissen über die Sehenswürdigkeiten der Stadt sind für diese Tätigkeit ebenfalls unerlässlich. Natürlich hilft ein offenes Wesen und die Geduld, auch mit Ruhezeiten zurecht zu kommen. Training in der Gondola versteht sich von selbst!

Inzwischen hat Giorgia selbst 4 Kinder, die von ihre Mann versorgt werden, und sie liebt ihren Beruf noch gleich wie am Anfang ihrer ungewöhnlichen Karriere.

Ihr männlicher Kollege, der ebenfalls an diesem Standplatz auf Gäste gewartet hat, zeigte keinerlei Problem mit seiner weiblichen Mitbewerberin.

Es hat mich ganz besonders gefreut, diese Powerfrau getroffen zu haben!

Campo San Polo

Mein Weg führte mich weiter zum Campo San Polo, dem zweitgrößten Platz in Venedig. Auch hier habe ich noch nie so wenig Menschen gesehen. Üblicherweise spielen hier Kinder und sitzen auf den wenigen Bänken ältere Einheimische und unterhalten sich. Aber diesmal: fast niemand! Es war einerseits angenehm, jedoch irgendwie auch verstörend, wenn man den Platz seit Jahrzehnten anders kennt.

Die Rialto Brücke ist leer wie nie

Selbst an diesem absoluten Touristen Hotspot waren so wenige Menschen, dass man sie hätte zählen können. In den Kanälen war zu beiden Seiten fast kein Gefährt zu sehen und alles wirkte unwirklich ruhig.

Wie viele von euch wissen sind in einer der angrenzenden Gassen nahe der Rialto Brücke jede Menge Stände, die Touristen-Kram verkaufen.

Selbst hier standen die Verkäufer eher gelangweilt herum und die wenigen Touristen gingen meist vorbei.

Palazzo Contarini del Bovolo

Ob ihr es glaubt oder nicht:

Ich bin tatsächlich noch nie beim Schneckenhaus-Turm gewesen!

Diesmal war es endlich soweit, obwohl ich nicht hinein bzw. hinauf gegangen bin.

Die Eintrittsmöglichkeiten sind an feste Zeiten gebunden und die Besucher sind (verständlicherweise) limitiert.

Zu meinem Pech ist eben erst ein Grüppchen losgegangen und so habe ich auf einen detaillierten Besuch mit Führung verzichtet, war doch die Piazza San Marco schon zum Greifen nah!

Vorbei an jeder Menge Gondeln musste ich nur noch einmal um die Ecke gehen.

 

Endlich am Ziel: der leere Markusplatz

Als ich durch eine der nächsten Gassen am oberen Ende der Piazza San Marco beim Correr Museum angekommen war, musste ich tatsächlich kurz durchatmen!

Noch nie in meinem Leben habe ich bei Tageslicht so wenige Menschen auf diesem großen Platz gesehen!

Selbst im berühmten Caffè Florian waren nur wenige Tische besetzt. Bei genauerer Betrachtung habe ich sogar bemerkt, dass deutlich weniger Tauben zu sehen sind. Naja, das finde ich persönlich jetzt eher positiv.

Ich ging also Richtung Campanile und Basilika und überlegte, was ich denn heute noch im Detail besichtigen werde. Inzwischen war es bereits ca. 16:00 und eine Auswahl musste getroffen werden. Diese wurde mir sehr leicht gemacht, denn

  • mein Besuch war an einem Dienstag und der Dogenpalast hat in Zeiten wie diesen nur Donnerstag – Sonntag geöffnet.
  • Der Boden der Basilika wird gerade renoviert, also war hier ebenfalls kein Besuch möglich.

Somit blieben noch 2 Optionen und ich entschied mich, den 4 Pferden über dem Hauptportal (samt dazu gehörigen Museum) einen Besuch auszustatten, da vor dem Campanile eine etwas längere Schlange an Menschen stand.

Wobei: Das ist jetzt im Vergleich zu VOR-Corona-Zeiten jammern auf sehr hohem Niveau.

Ein Rundgang auf halber Höhe der Basilica San Marco

Bevor man die steilen Treppen zum Balkon über den beeindruckenden Portalen der Markus Basilika erklimmen kann, wird bei jedem Besucher kontaktfrei Fieber gemessen. NM-Schutz versteht sich wieder von selbst – allerdings nur im Innenbereich; außen bei der Quadriga ist es dann freiwillig, was einige Besucher trotzdem getan haben.

Fotos von den Ausstellungsstücken im Museum kann ich euch leider keine zeigen, da hier fotografieren und filmen ausnahmslos verboten war. Genau genommen hat mich die Aussicht auf den Palazzo Ducale und die beiden Plätze sowieso weit mehr interessiert.

Die Aufenthaltsdauer in luftiger Höhe ist nicht begrenzt, jedoch muss man das Eintrittsticket beim Verlassen dieser Etage in einen Scanner stecken, damit die aktuelle Anzahl der Personen korrekt erfasst ist.

Für mich ging es weiter über die Piazzetta und die Riva Degli Schiavoni zu den Giardini Reali di Venezia gleich hinter der Procuratie Vecchie.

Giardini Reali di Venezia

In diesem Park mit breiten Spazierwegen und unzähligen Bänken habe ich mich ein wenig ausgeruht und mit mir gerungen, ob ich der Einfachheit halber ein Vaporetto Richtung Bahnhof nehmen soll oder auf einer alternativen Route zu Fuß meinen Rückweg antreten soll.

Die Neugier hat gesiegt und so bin ich durch die Gassen mit den sündhaft teuren Luxus-Boutiquen, vorbei am La Fenice und über die Academia-Brücke, Richtung Campo Santa Margherita gegangen.

Campo Santa Margherita

Diesen Platz liebe ich besonders, denn hier ist das Leben der Venezianer unübersehbar!

Der Weg dauert ca. 40 Minuten, PLUS all die kleinen Pausen, die ihr für Fotos, Drinks oder einfach Herumschauen noch braucht.

Fazit:

Fast 10 Stunden war ich unterwegs und

  • selten habe ich soviel Vorsicht und Rücksicht erlebt – vor allem nicht in Venedig.
  • Ich habe unzählige Sprachen gehört, meist wurde aber italienisch gesprochen.
  • Gastronomie und Geschäfte haben nicht alle geöffnet; es sind in jedem Fall ausreichend, um sich wohl zu fühlen.
  • Fast alle Lokale waren eher spärlich besetzt und
  • die Gondoliere scheinen schon eher resigniert zu haben.
  • Das Wasser in den Kanälen ist deutlich klarer als sonst, nur nicht mehr so sauber, wie es noch vor einigen Wochen der Fall war.
  • Unübersehbar war, dass DEUTLICH weniger Bootsverkehr in den Kanälen war und im Giudecca Kanal war fast gar nichts los.

Ich kann euch nur raten: wenn ihr Venedig liebt oder vielleicht sogar noch nie dort gewesen seid, dann ist JETZT die perfekte Zeit dafür. #EnjoyRespectVenezia

Lest euch vorher zur Einstimmung auch meine anderen Artikel über die Serenissima durch (Suchfunktion!), denn dann seid ihr bestens vorbereitet und könnt euren Besuch maximal genießen!

Tanti Saluti

Elena


Offenlegung:

Dieser Artikel beschreibt meine persönlichen Erfahrungen in Venezia im Juli 2020. Er wurde von der Stadt Venedig nicht beauftragt und nicht vergütet.


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