„Bohemian Sunday“ ist eine Bezeichnung für ein ganz besonderes Event, das nicht einmalig sondern regelmäßig stattfindet! Im Juli 2016 machte ich mich auf den Weg, da es sich um eine Veranstaltung handelt, wie ich sie liebe: Ein hochwertiger Kunsthandwerksmarkt im Park einer wunderschönen Villa und noch dazu verbunden mit der Möglichkeit, zu picknicken!

Von Salzburg aus betrachtet hat man eine Entfernung von 5-6 Stunden vor sich. Je nachdem, ob man lieber über Innsbruck und Bozen fährt oder wie ich über Villach und Udine. Den Routenplaner zum Ermitteln der Entfernung zu eurer Adresse findet ihr am Ende des Artikels. Ich verbinde Ausflüge wie diese gerne mit einer oder zwei anderen Besichtigungen und danach einige Tage am Strand. Bei den Sprit-Preisen muss sich eine Strecke wie diese „rechnen“!

Die Villa selbst war leicht zu finden: fährt man auf der Autobahn A4, so ist es die Ausfahrt Montecchio Maggiore oder – wer wie ich lieber Bundesstraße fährt – nimmt die SS 246. Das dominante Gebäude ist schon von weitem zu sehen und wir schlängelten uns den Hügel hinauf. Die mächtige Mauer ist von 2 Toren durchbrochen, wobei das untere Tor zu dem Bereich führte, auf dem die Pagoden-Zelte mit den Ständen aufgebaut waren.

Wir fuhren jedoch den Hügel ganz hinauf, da wir direkt im Hof der Villa parken durften. Zu Beginn war der Parkwächter nicht ganz überzeugt, dass wir eine Einladung hatten. Doch als Lady Bona Zanuso, die Präsidentin von „Villegrandtour“, uns freundlich begrüßte, war alles gut.

Wir wurden in die schöne Eingangshalle begleitet und durften im „Wohnzimmer“, einem Salon mit sehr vielen Familienfotos auf Silvia Scarabello, die den Kunsthandwerksmarkt organisierte, warten.

Ich lernte Silvia bei meinem Besuch der Villa Angarano vor einiger Zeit kennen. Ihr erinnert euch? Die Villa der 5 Schwestern! Mit Silvia gemeinsam gingen wir Richtung Zitronenweg und konnten zum 1.x die tolle Aussicht bewundern. Weiter durch den riesigen Park den Hügel hinunter und erfuhren unterwegs so einiges Interessantes über die Villa und die Familie Marzotto.

Geschichte des Hauses

Die Anfänge der Villa gehen bis in das 11. Jahrhundert zurück und die ursprünglichen Erbauer – man glaubt es kaum – kamen aus Deutschland. Nachdem das Gebäude 1400 vergrößert wurde, folgte im 18. Jahrhundert ein weiterer Umbau. Erst zu dem Zeitpunkt entstand die typische Villenform, für die das Veneto bekannt ist.

Zu Beginn der 1950er Jahre kaufte Giannino Marzotto das Anwesen und es wurde nach und nach restauriert. Dass diese Arbeiten im Grunde nie ein Ende finden, wird sich sicher jeder vorstellen können.

Die Industriellen-Familie Marzotto kann auf deine lange Tradition zurückblicken. 1836 wurde die 1. kleine Weberei gegründet und heute gehören viele edle italienische Modemarken zu dem Imperium. Da die Familie viele Arbeitsplätze schuf und sich auch durch die ständige Vergrößerung der Betriebe die Infrastruktur in der Gegend verbesserte, waren die Mitglieder der Familie Marzotto sehr beliebt.

Die Marzotto-Brüder

Die 4 Söhne Vittorio, Umberto, Paolo und Gianni hatten eine gemeinsame Leidenschaft: alle 4 waren in den 1950er Jahren Rennfahrer, wobei der Jüngste der Erfolgreichste war. Im Gegensatz zu heute war der durchschnittliche Rennfahrer damals beinahe doppelt so alt wie Gianni, genannt Giannino. Bereits mit Anfang 20 Jahren war er erfolgreicher als viele andere es je wurden und gehörte zu den beliebtesten italienischen Sportlern seiner Zeit.

Ich war beeindruckt von den vielen Auszeichnungen, die in der Bibliothek zu sehen sind. Etwas Besonders war das Nebengebäude, in dem er früher seine verschiedenen Autos untergestellt hatte. Auch wenn heute nur noch ein (fahruntüchtiges) Auto zu sehen ist: ich kann es mir gut  vorstellen, wie früher Sportwagen an Sportwagen hier geparkt hatten. Wenn man den Raum heute sieht, besticht er immer noch mit morbiden Charme.

Doch nicht nur Giannino war bekannt und viel fotografiert. Marta Marzotto, einst mit Umberto verheiratet, war Designerin und DIE Jetset-Königin zu ihrer Zeit – und Großmutter von Beatrice Borromeo, der Frau von Pierre Casiraghi (jüngster Sohn von Prinzessin Caroline von Monaco).

Leider ist sie im Sommer 2016 kurz vor unserem Besuch verstorben. Ich bin mir fast sicher, dass die wirklich bildschöne, blonde Frau auf vielen der Fotos im Wohnzimmer Marta war.

Nun aber genug von der Geschichte – wir gehen also vorbei am Minarett den Waldweg im Park hinunter zu den Pagoden-Zelten und siehe da: noch eine Villa!

Das erklärt wohl auch die anfangs erwähnten 2 Einfahrtstore. Diese 2. Villa wurde von einem anderen Zweig der Familie erbaut – ist aber leider schon vor langer Zeit niedergebrannt. Und das nicht nur 1x, sondern nach dem 1. Wiederaufbau noch einmal. Dann wurde jedoch alles so belassen und aus Sicherheitsgründen darf diese spektakuläre Ruine von Besuchern nicht betreten werden.

Einen Charme haben die Reste dennoch inmitten des riesigen Parks und wie bei unserem Fall, den vielen weißen Zelten.

Wir sind zwischen den Ständen und noch weiter hinunter zum Garten mit den achteckigen Teich, von dem aus man einen tollen Blick auf die untere Villa hat.

Was uns während unseres gesamten Besuches immer wieder auffällt: riesengroße Steinfiguren – insgesamt 40 Stück aus den Bereichen Mythologie, Allegorie und nicht zuletzt auch einige in typischer Kleidung aus dem 18. Jahrhundert.

Der Park gehört zu Italiens interessantesten Parks aus dem 18. Jahrhundert. Er ist 20 ha groß und in unterschiedliche Themenbereiche gegliedert. Viele der Bäume sind über 200 Jahre alt. Nicht ohne Grund ist in der Broschüre der Villa auch ein Plan mit genauer Beschreibung gedruckt!

Es würde zu weit führen, hier alle ausstellenden Künstler und Kleinunternehmer anzuführen, daher habe ich ein Unternehmen heraus gesucht, dessen Idee mir besonders gefallen hat:

Luca & Silvio Potente von cycledproject.com

Einer der Brüder hat mir die aus gebrauchten Fahrrad-Reifen gemachten Gürtel genau gezeigt und nicht nur, dass sie sehr gut aussehen, jeder Gürtel ist ein handgemachtes Unikat!

Man kann sich bestimmt den ganzen Tag hier im Park aufhalten, aber wir haben langsam Hunger bekommen und da wir wussten, dass Haupthaus der Villa Trissino Marzotto bereits eine typisch italienische Jause in der Taverne auf uns wartet, haben wir uns wieder auf den Weg nach oben gemacht, der uns natürlich viiiieeeeel länger vorgekommen ist, als beim Abstieg.

Was soll ich sagen: diese italienischen Villen-Küchen mit der offenen Feuerstellen (Fogolar genannt) und den groben Tischen verführen mich immer wieder dazu, länger zu verweilen als geplant. Wir hatten also eine kleine Stärkung und dessen noch nicht genug, brachte Lady Bona hausgemachte Meringa all’italiana mit frischem Obst mitten drinnen.

Für mich war es das Beste seiner Art und ihr könnt mir glauben: ich habe schon einige davon vernascht!

Im Anschluss durften wir einiges in dieser riesigen Villa besichtigen. Ich war fasziniert von den vielen unterschiedlichen Räumen auf 2 Etagen. Wunderschöne Dekorationen wie der Schlitten waren sogar im Stiegenhaus aufgestellt. Musikinstrumente aus längst vergangener Zeit erwartet man – irgendwie; aber einen Fernseher – gut versteckt – damit hätte ich nicht gerechnet.

… und was ich besonders interessant gefunden habe war die versteckte Türe hinter den Wandtäfelungen, die in den Keller in die Taverna führte.

Natürlich gibt es in der Villa Bilder aller Art und Größen, aber auch viele wunderschöne Kamine. Einen davon samt Detailaufnahme zeige ich euch. Beachtet die Spiegelung der blauen Decken-Vertäfelung und die Details zwischen den beiden Figuren.

Nach der Führung war mir klar, warum sich dieses Anwesen nicht nur zum Heiraten sondern auch für Kongresse, Ausstellungen und Partys aller Art eignet. Sowohl in den 10 unterschiedlich großen Sälen, als auch im Garten – und hier wohl besonders im „Prato verde“, was übersetzt nichts anderes heißt als „grüne Wiese“, jedoch den Innenhof der oberen Villa darstellt.

Mein persönlicher Favorit

in der Villa Trissino Marzotto ist nicht der Tanzsaal oder der Saal mit den Wandteppichen, sondern der pastellfarbene Saal im ersten Stock, der an der Decke Stoffbespannung hat.


Wir haben viel gesehen – drinnen wie draußen – und ich bedanke mich bei Lady Bona für die freundliche Aufnahme und bei Silvia für die vielen Erklärungen.


Tanti Saluti
Elena

Villa Trissino Marzotto

P.zza Giangiorgio Trissino, 2

36070 Trissino Vicenza

Tel. +39 0445 962029

info [at] villatrissinomarzotto [dot] it

www.villatrissinomarzotto.it

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